Ein Probemodell, auch Toile oder Probeteil genannt (in den USA „Muslin“), ist eine schnell genähte Testversion eines Kleidungsstücks aus günstigem Stoff, der sich ähnlich verhält wie dein endgültiger Stoff. Du schneidest es mit eingezeichneten Nahtlinien nach dem Schnittmuster zu, nähst es mit langen Stichen zusammen, probierst es an, steckst ab oder öffnest, was nicht sitzt, und überträgst diese Änderungen ins Schnittmuster, bevor du den Stoff anschneidest, an dem dein Herz hängt. Ein Probemodell für ein Oberteil kostet dich einen Abend; es kann ein ganzes Kleidungsstück retten.

Wann brauchst du ein Probemodell?

Näh eins, wenn die Passform körpernah ist oder der Stoff kostbar:

  • körpernahe Oberteile, Fit-and-Flare-Kleider und alles mit Abnähern und Reißverschluss;
  • Bleistiftröcke, Hosen und andere eng anliegende Teile für unten;
  • eingesetzte Ärmel in einem körpernahen Armloch;
  • teurer, seltener oder schwer aufzutrennender Stoff wie Seide, Wolle oder ein Druck, den du liebst;
  • das erste Mal mit einem neuen Schnittmuster oder neuen Maßen.

Meist kannst du darauf verzichten bei lockeren Formen, bei denen es auf einen oder zwei Zentimeter nicht ankommt: Kräuselröcke und Röcke mit Gummizug, Kimonojacken, lässige Shirts aus einem gutmütigen Jersey, Tote Bags, Schürzen und Kissenhüllen. Für alles dazwischen nähst du ein tragbares Probemodell: das echte Schnittmuster aus einem günstigen Stoff, den du trotzdem tragen würdest, wenn es klappt.

Welcher Stoff eignet sich für ein Probemodell?

Das Probemodell muss sich verhalten wie der endgültige Stoff, sonst erzählt es dir etwas über das falsche Kleidungsstück.

Endgültiger StoffStoff für das ProbemodellWarum
Baumwolle, Leinen, ChambrayMittelschwerer NesselÄhnlicher Stand, günstig und gut zu beschriften
Viskose, Krepp, SeideGünstige Viskose oder ein weiches Bettlaken aus MischgewebeNessel ist steifer und lässt ein fließendes Kleidungsstück kastig wirken
Anzugstoff aus Wolle, Denim, KöperSchwerer Nessel oder BaumwolldrillDie Stoffdicke verbraucht Bewegungszugabe
Jersey und andere MaschenwareEin günstiger Jersey mit derselben DehnbarkeitWeniger Dehnung sitzt enger, mehr Dehnung weiter
Schräg geschnittener SatinEbenfalls ein günstiger Stoff im schrägen FadenlaufDer schräge Fadenlauf verändert die Passform völlig

Der günstige Baumwollstoff heißt bei uns Nessel; in den USA nennt man ihn Muslin, was nichts mit dem weichen Musselin (Double Gauze) zu tun hat, den du aus dem Stoffladen kennst. Gebrauchte Bettlaken sind eine hervorragende Quelle für Probestoff. Bei Jersey prüfst du die Dehnbarkeit beider Stoffe mit demselben Test, bevor du zuschneidest.

Was gehört dazu, was kannst du weglassen?

Nähe nur, was die Passform beeinflusst. Dazu gehören die Hauptteile, die Abnäher, ein Ärmel (die meisten Körper sind symmetrisch genug, um einen anzupassen) und bei Röcken und Hosen der Bund, denn er bestimmt, wo das Kleidungsstück sitzt. Lass Belege, Futter, Taschen und Verzierungen weg. Bügle die Saumzugabe nur um, statt zu säumen, damit du die Länge beurteilen kannst. Die Öffnung heftest du auf der Nahtlinie zu und steckst dich hinein, oder du nähst bei sehr körpernahen Teilen einen günstigen normalen Reißverschluss ein.

Probemodell nähen, Schritt für Schritt

  1. Schnittmuster vorbereiten. Druck es in Originalgröße aus und prüfe das Testquadrat von 5 cm, bevor du die Seiten zusammenklebst.
  2. Mit großzügigen Nahtzugaben zuschneiden. Behalte die Nahtzugaben des Schnittmusters bei und schneide an den Seitennähten 2,5 cm zu, damit du das Probemodell bei Bedarf herauslassen kannst.
  3. Alles einzeichnen. Zeichne mit Filzstift auf die rechte Seite die Nahtlinien, vordere und hintere Mitte, den Brustpunkt, Taillen- und Hüftlinie und den Fadenlauf. Beim Tragen sollten die waagerechten Linien waagerecht und die senkrechten lotrecht verlaufen.
  4. Formnaht an den Rundungen. Nähe 3 mm innerhalb der Nahtlinie um Ausschnitt und Armlöcher, damit sie sich beim An- und Ausziehen nicht dehnen.
  5. Zusammenheften. Nähe zuerst die Abnäher, dann Schultern, Seitennähte und den Ärmel, mit einem langen Stich von 4 bis 5 mm in Kontrastgarn. Heftstiche sind in Sekunden aufgetrennt, wenn du etwas ändern musst.
  6. Jede Naht auseinanderbügeln. Knipse die Nahtzugaben an Ausschnitt und Armlöchern ein, damit die Rundungen flach liegen; ein ungebügeltes Probemodell sieht immer schlechter aus, als es sitzt.
  7. Rechts herum anprobieren, mit der Unterwäsche und den Schuhen, die du zum Kleidungsstück tragen willst, und die Öffnung genau auf der Nahtlinie zustecken.

So probierst du ein Probemodell an

Stell dich ganz natürlich vor einen Spiegel und mach dann Fotos von vorn, von der Seite und von hinten: Auf einem Foto lassen sich Falten leichter lesen. Prüfe von oben nach unten, ob

  • die Schulternähte oben auf den Schultern sitzen und am Schulterknochen enden;
  • die Seitennähte gerade nach unten hängen und die Mittellinien mittig bleiben;
  • Brust-, Taillen- und Hüftlinie rundum waagerecht verlaufen;
  • die Brustabnäher 2 bis 2,5 cm vor dem Brustpunkt enden;
  • die Armlöcher unter dem Arm weder einschneiden noch abstehen;
  • der Ausschnitt flach liegt, ohne abzustehen oder zu ziehen;
  • Saum und Ärmel die gewünschte Länge haben.

Dann beweg dich: Arme heben, nach vorn greifen, hinsetzen, gehen und bücken. Ein Kleidungsstück aus Webware, das nur im Stillstehen passt, braucht mehr Bewegungszugabe. Wie du bestimmte Falten deutest und behebst, steht in Passformprobleme beheben.

Änderungen markieren und ins Schnittmuster übertragen

  1. Wo das Probemodell zu weit ist, steckst du den Überschuss als Falte oder entlang einer Naht ab und zeichnest auf beiden Seiten der Falte eine Linie, bevor du die Nadeln löst.
  2. Wo es zieht, trennst du die Naht auf oder schneidest ins Probemodell, bis es glatt liegt, misst den Spalt und füllst ihn mit einem Stoffstreifen oder Klebeband.
  3. Schreib jede Menge und ihre Richtung direkt auf das Probemodell: „+1,5 cm an der Brust“, „−1 cm Schulter“.
  4. Zieh das Probemodell aus, leg es flach hin und übertrage die neuen Linien auf das Schnittmuster.
  5. Gleiche die Nähte an: Teile, die zusammengenäht werden, müssen weiterhin gleich lang sein, Rundungen müssen über Nähte hinweg glatt verlaufen, und die Knipsmarken müssen aufeinandertreffen.
  6. Übertrage jede Änderung auch auf die Teile, die davon abhängen: Ein tieferer Ausschnitt verändert den Beleg, ein tieferes Armloch den Ärmel.
  7. Hast du irgendetwas um mehr als etwa 2 cm geändert, nähst du ein zweites Probemodell. Änderungen beeinflussen sich gegenseitig, und ein zweiter Test geht schnell, wenn der erste geschafft ist.

Ein Probemodell bei einem Schnittmuster nach Maß

Ist ein Schnittmuster nach deinen eigenen Maßen konstruiert, geht es beim Probemodell weniger um die Größe und mehr um Bewegungszugabe, Stil und das Aufspüren eines falsch genommenen Maßes. Zeigt das Probemodell, dass eine Zahl nicht stimmte, etwa eine zu eng gemessene Taille oder eine zu kurze Rückenlänge, korrigierst du sie in Sewly, und das Schnittmuster wird sofort neu gezeichnet; dann druckst du die korrigierten Teile aus, wofür du ein kostenpflichtiges Abo brauchst. Die 3D-Vorschau hilft dir, Proportionen und Länge vor dem Zuschnitt zu beurteilen, zeigt aber die Silhouette und nicht, wie ein bestimmter Stoff fällt. Das Probemodell bleibt also der Test mit echtem Stoff an einem echten Körper. Am meisten Zeit sparst du, wenn du von Anfang an sorgfältig misst: siehe Körpermaße richtig nehmen.

Häufige Fehler beim Probemodell

  • Ein Probestoff, der sich zu sehr vom echten unterscheidet. Steifer Nessel für ein Viskosekleid lässt es eng und kastig aussehen; achte auf ähnliches Gewicht und ähnlichen Fall.
  • Keine Nahtlinien eingezeichnet. Ohne sie weißt du nicht, wie viel du abgesteckt hast.
  • Links herum anprobiert. Links und rechts sind vertauscht, und jede Asymmetrie landet auf der falschen Seite.
  • Zu eng angepasst. Wer im Stehen jede Bewegungszugabe absteckt, bekommt ein Kleidungsstück, in dem man nicht sitzen kann.
  • Nur an der Schneiderpuppe angepasst. Eine Puppe hat nicht deine Haltung; nutz sie für einen ersten Eindruck und probier das Probemodell dann selbst an.