Ja, wasch fast jeden Stoff vor dem Zuschneiden, und zwar genau so, wie du später das fertige Kleidungsstück waschen wirst. Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Viskose können bei der ersten Wäsche einlaufen, und kräftige Farben können ausbluten; das passiert besser einem Stück Stoff als einem Kleid, an dem du ein ganzes Wochenende genäht hast. Lass es nur bei Stoffen weg, die nie gewaschen werden oder die eine Wäsche ruinieren würde.
Warum Stoff vor dem Nähen waschen?
- Einlaufen. Fasern aus Baumwolle, Leinen, Viskose und Wolle entspannen sich und ziehen sich zusammen, wenn sie nass und warm werden. Das meiste davon passiert in den ersten ein bis zwei Wäschen. Ein Kleidungsstück, das vor dem Einlaufen zugeschnitten wurde, kann an Länge verlieren und an der Hüfte eng werden.
- Appretur. Neuer Stoff ist oft mit Appretur oder Stärke behandelt, die ihn auf dem Ballen steif wirken lässt. Die Wäsche entfernt sie, sodass du den Stoff zuschneidest, den du später trägst, mit seinem echten Fall und Griff.
- Farbe. Rot, Indigo und dunkle Batiks können ausbluten. Überschüssige Farbe sollte raus sein, bevor ein weißer Kragen oder eine Kontrasttasche danebengenäht wird.
- Stoffkombinationen. Ein Oberstoff aus Baumwolle mit einem Futter aus Polyester läuft ungleichmäßig ein, wenn keiner von beiden vorgewaschen wurde, und die Nähte kräuseln sich nach der ersten Wäsche.
Wie stark läuft Stoff ein?
Das hängt so stark von Bindung, Ausrüstung und Weberei ab, dass sich keine einzelne Zahl nennen lässt – teste deshalb deinen eigenen Stoff. Schneide ein Quadrat von 25 cm aus, markiere seine Größe mit einem wasserfesten Stift, wasch und trockne es so, wie du das Kleidungsstück waschen willst, und miss erneut.
Ist das Quadrat danach nur noch 24 cm lang, sind das 4 % Einlauf: 8 cm auf 2 m Stoff. Kaufst du Stoff, bevor du ihn vorwäschst, rechne diese Reserve in die Menge ein (siehe wie viel Stoff brauche ich). Als Faustregel laufen locker gewebtes Leinen, Viskose, Baumwollmusselin und Flanell stärker ein als dicht gewebte Popeline oder Köper, und Synthetik läuft kaum ein.
Stoff vorwaschen nach Faserart
| Faser | Waschen | Trocknen | Bügeln danach |
|---|---|---|---|
| Baumwolle (Popeline, Batist, Köper, Denim, Jersey) | Maschine, 30–40 °C | Im Trockner, wenn das Kleidungsstück auch hineinkommt | Drei Punkte, etwa 200 °C, mit Dampf |
| Leinen | Maschine, 40 °C | Einmal im Trockner für das weichste Ergebnis, oder auf der Leine | Drei Punkte, etwa 200 °C, viel Dampf |
| Viskose, Lyocell | Schonwaschgang, 30 °C | Auf der Leine, liegend oder über einer Stange | Zwei Punkte, etwa 150 °C, Bügeltuch |
| Seide | Kühle Handwäsche mit mildem Waschmittel, oder weglassen | In ein Handtuch rollen, liegend trocknen | Zwei Punkte, etwa 150 °C, Bügeltuch |
| Wolle | Dämpfen (dekatieren) oder kühles Handbad (siehe unten) | Liegend trocknen | Zwei Punkte, etwa 150 °C, Bügeltuch und Dampf |
| Polyester, Polyamid, Polyacryl | Maschine, 30 °C, vor allem um die Appretur zu entfernen | Niedrige Temperatur oder auf der Leine | Ein Punkt, etwa 110 °C |
Die Spalte zum Bügeln entspricht den Punkten auf dem Pflegeetikett: Ein Punkt sind etwa 110 °C, zwei Punkte 150 °C, drei Punkte 200 °C. Mischgewebe richten sich nach der empfindlichsten enthaltenen Faser.
Schritt für Schritt: ein Stück Stoff vorwaschen
- Faser und Pflege notieren. Fotografiere das Ballenende oder die Produktseite des Shops, bevor du gehst; in zwei Monaten weißt du es nicht mehr.
- Schnittkanten versäubern. Versäubere die beiden Schnittkanten mit Zickzackstich, Overlock oder Zackenschere, oder näh je eine gerade Naht 1 cm von der Kante. Locker gewebte Stoffe verlieren sonst in einer einzigen Wäsche mehrere Zentimeter durch Ausfransen, und die Fäden verheddern sich in der Maschine.
- Allein oder mit ähnlichen Farben waschen. Nimm Temperatur und Programm, die du auch für das Kleidungsstück verwenden wirst. Gib bei dunklen oder kräftigen Stoffen beim ersten Mal ein Farbfangtuch dazu.
- Genauso trocknen wie das Kleidungsstück. Kommt das fertige Kleid in den Trockner, muss der Stoff jetzt hinein: Trocknen lässt Stoff genauso einlaufen wie Waschen.
- Gerade legen und bügeln. Leg Webkante auf Webkante und prüfe, ob die Schnittkanten aufeinanderliegen. Bügle mit der passenden Einstellung für die Faser entlang des Fadenlaufs, bevor du den Schnitt auflegst.
- Beschriften. Steck einen Zettel mit „gewaschen“ und dem Datum an den Stoff, wenn er zurück ins Regal kommt.
Tipp: Wasch auch die Kurzwaren vor. Köperband, Kordel, Spitze und Schrägband aus Baumwolle laufen alle ein. Reißverschlüsse aus Polyester und die meisten Gummibänder brauchen das nicht.
Wolle ohne Waschen vorbehandeln: dekatieren
Wolle kann in der Waschmaschine verfilzen. Die meisten Nähenden dekatieren sie deshalb mit Dampf: Leg den Stoff aufs Bügelbrett, halte das Bügeleisen auf Wollstufe etwa 1 cm darüber und dämpfe die ganze Länge, ohne aufzudrücken; lass jeden Abschnitt flach trocknen, bevor du ihn weiterschiebst. Gründlicher geht es, wenn du den Stoff für ein paar Stunden in ein feuchtes Laken rollst und ihn danach ausgebreitet flach auf einem Tisch trocknen lässt. Waschbare Wolle (als maschinenwaschbar oder superwash gekennzeichnet) darf wie das fertige Kleidungsstück in einen kühlen Wollwaschgang.
Wann kannst du aufs Vorwaschen verzichten?
- Das fertige Stück wird nie gewaschen. Wandbehänge, manche Taschen, ein Kostüm für einen einzigen Abend.
- Der Stoff darf nur chemisch gereinigt werden, und das Kleidungsstück wird auch chemisch gereinigt. Dämpfe ihn stattdessen gründlich, denn auch die Reinigung dämpft.
- Beschichtete und besondere Stoffe. Gewachste Baumwolle, Wachstuch, beschichtete Baumwolle, Kunstleder, viele Samte und verzierte Stoffe. Die Wäsche löst die Beschichtung oder drückt den Flor platt.
- Ein Probemodell aus Nessel. Ein Testteil muss nur gebügelt werden. Willst du es tragen, wasch es wie ein richtiges Kleidungsstück.
Und die Einlage?
Bügeleinlage gehört nicht in die Waschmaschine: Der Kleber kann sich lösen. Bist du unsicher, ob sie einläuft, halte das dampfende Bügeleisen vor dem Aufbügeln ein paar Sekunden darüber und bügle sie dann mit einem Bügeltuch auf. Einnähbare Einlage kannst du in warmem Wasser einweichen und wie den Stoff, den sie verstärkt, flach trocknen lassen. Die verschiedenen Arten findest du unter Einlage.
Häufige Fehler und Lösungen
- „Sicherheitshalber“ heiß waschen. Heißer als die Pflege des Kleidungsstücks lässt manche Stoffe zu stark einlaufen und andere verblassen, ohne jeden Nutzen. Nimm die Temperatur, die du wirklich verwenden wirst.
- Trockner ausgelassen, obwohl das Kleidungsstück in den Trockner kommt. Dann läuft es später ein, an deinem Körper. Trockne den Stoff genauso.
- Ein verheddertes, ausgefranstes Knäuel nach der Wäsche. Versäubere zuerst die Schnittkanten und nimm für lange Stücke einen Schonwaschgang.
- Stoff nach der Wäsche verzogen. Manche Stoffe kommen schief aus der Maschine. Leg Webkante auf Webkante; liegen die Schnittkanten nicht aufeinander, zieh den Stoff kräftig diagonal in die kürzere Richtung und bügle ihn dann.
- Knitter, die sich nicht herausbügeln lassen. Nimm den Stoff gleich aus der Maschine und bügle ihn, solange er noch leicht feucht ist.
Vorwaschen ist bei jedem Sewly-Schnitt der erste Schritt der Nähanleitung, noch vor Drucken und Zuschneiden – und der Schritt, dessen Auslassen am häufigsten bereut wird. Ist dein Stoff sauber, trocken und gebügelt, kannst du ihn im Fadenlauf auflegen und zuschneiden. Tipps für einzelne Fasern findest du unter Leinen nähen und Viskose nähen ohne Frust.